Saturday, 10 July 2010

Das Ideal

Das Ideal
von Kurt Tucholsky

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mot schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badeyimmer ist die Zugspitze zu sehen -
aber abends zum Kino hast du's nicht weit. 
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer, -nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve -
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) -,
einei Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: zwei Ponys, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad - alles lenkste
natürlich selber - das wär' ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwilsjagd.

Ja, und das hab' ich ganz vergessen:
Prima Küche - bestes Essen -
alte Weine aus schönem Pokal -
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Scmuck eine richtige Portion.
Und noch 'ne Million und noch 'ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!
Aber wie das so ist hienieden:
manchmal scheint's so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück,
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
Hast du die Frau, dann fehl'n dir Moneten - 
hast du die Geisha, dann stört dich den Fächer:
bald fehlt uns den Wein, bald fehlt uns der Becher.
Etwas ist immer.

Tröste dich.
Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Dass einer alles hat: das ist selten.


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